GEISTLICHER CHOR

Impuls zum Evensong (22) am Weißen Sonntag

 

Christiane Müller  14. April 2026 


Waren Sie letzte Woche in einer Osternacht-Feier? Dann haben Sie dort sicherlich - nach der  Weihe des Wassers - Ihren Glauben bekräftigt und Ihr Taufversprechen erneuert. Vielleicht sogar eine Taufe erlebt. Das ist kein Zufall, denn in Ostern verdichtet sich der komplette christliche Glaube, hier liegen die Ursprünge und Wurzeln. Deswegen ist es auch der wichtigste Termin, um uns an diese Wurzeln zu erinnern.

Wenn Sie - wie wahrscheinlich die meisten von uns, die schon als kleine Kinder getauft wurden - keine Erinnerung mehr an die eigene Taufe haben, hier ein kleiner Tipp: Tauffeiern werden zwar häufig als private Familienfeiern verstanden, sind aber öffentliche Gottesdienste. Sie können also einfach hingehen. Und dann stellen Sie sich vor, dass alle die Zeichen und Zusagen für den Täufling auch genauso für Sie gelten. Denn auch Sie wurden damals beim Namen gerufen, mit dem Kreuz bezeichnet und mit dem Öl gesalbt, mit dem Priester, Könige und Propheten gesalbt wurden. Über Sie wurden Segensgebete gesprochen, Ihnen wurde mit Ihrer Taufkerze ein persönliches Licht überreicht. Und Sie wurden aus dem Wasser neu geboren, wie Paulus es im Korintherbrief beschreibt: "Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung." Und weil Sie, wie Paulus auch schreibt, Christus "wie ein Gewand angezogen haben", wurde Ihnen ein weißes Taufkleid übergezogen oder umgelegt.

Die frühen Christen, die am Osterfest getauft wurden,  zogen dieses weiße Gewand nach der Taufe nicht sofort wieder aus, sondern trugen dieses Zeichen für die neue Schöpfung in sich, eine ganze Woche lang in und durch ihren Alltag. Und erst am Sonntag nach Ostern, also quasi "heute", wurde es nach dem Gottesdienst wieder abgelegt, weswegen dieser Sonntag bis heute auch "Weißer Sonntag" heißt.

Eine gute Zeit also, um über das Getauft-Sein nachzudenken.

Einer, der das noch richtig zu schätzen wusste, war Martin Luther. Er litt Zeit seines Lebens unter starken Ängsten, Unsicherheiten und Zweifeln an sich selbst und an der Gnade Gottes. Es heißt, dass er immer, wenn diese Gedanken und inneren Dämonen über ihn herfielen, mit Kreide vor sich auf den Tisch geschrieben hat: "Ich bin getauft!" Mit Ausrufezeichen. Gebt Ruhe, ihr könnt mir gar nichts! Ich bin ein getauftes Kind Gottes!

Die Taufe ist das sichtbare Zeichen für die tiefe Beziehung, die Gott uns anbietet.

Jesus nennt uns nicht mehr Knechte, sondern Freunde. Das darf man nicht falsch verstehen, denn ein Knecht oder eine Magd zu sein war nichts Schlechtes, ganz im Gegenteil. Im Gegensatz zu einem Tagelöhner, der sich jeden Tag von Arbeitsauftrag zu Arbeitsauftrag hangelte und sich dabei immer wieder neue Arbeitgeber suchen musste, hatten Mägde und Knechte einen festen Platz auf dem Hof ihres Herrn mit einem oft lebenslangen sicheren Auskommen. Und sie waren stolz darauf, zur Familie ihres Herrn zu gehören. Nicht ohne Grund treffen wir in der Bibel immer wieder auf Figuren, die sich stolz als "Knecht Gottes" oder "Magd des Herrn" bezeichnen.

Aber Jesus ist die enge Bindung eines Knechtes an seinen Herrn nicht genug als Bild für die Beziehung zu Gott. Freund, Kind - das sind seine Kategorien. Er, der selbstverständlich und konsequent in dieser Vater-Sohn-Beziehung lebt, möchte uns in genau diese Art der Verbindung mit hineinnehmen, in diese tiefe Liebe, die - wie wir in diesen Wochen gerade feiern - stärker ist als der Tod.

Und wenn er dabei von Geboten spricht, die wir halten sollen, dann dürfen wir das nicht nur wie Knechte und Mägde als Arbeitsauftrag verstehen, den wir erfüllen müssen, um unsere Belohnung zu verdienen, sondern müssen daran denken, dass vor allen Geboten und Regeln diese unbedingte Liebe Gottes zu uns steht. "Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt" heißt es in dem Abschnitt aus dem Johannes-Evangelium. Der hat angefangen!!  Und unser Leben, unser Handeln kann nur eine Antwort auf das sein, was Gott uns schon längst gegeben hat.

Letztendlich sollte es für uns Christen also nicht in erster Linie darum gehen, was wir tun, sondern um das, was wir sind: Freunde und Kinder Gottes und Erben seiner Verheißung. Bedingungslos geliebt und eng mit ihm verbunden. Und er traut uns zu, in seinem Sinne, aus seinem Geist heraus handeln können.

Ja, das klingt in der Theorie natürlich immer einfacher, als es im tatsächlichen Leben ist. Und ich erwische mich selbst immer wieder dabei, dass es mir auch nicht immer gelingt, an diese bedingungslose Liebe zu glauben, der man nichts beweisen muss. Wir leben eben in einer Welt, die uns täglich das Gegenteil davon entgegenschreit.

Und so bleibe ich erst einmal sozusagen ein "Kind in Ausbildung". Denn - und das ist ein großer Trost, wenn es mir mal wieder nicht gelingt: Kinder lernen von ihren Eltern. Wenn nötig, ein Leben lang.

 


blublöublui