Impuls zum Evensong (23)
Christiane Müller – 21. Juni 2026 “Freut euch… zu jeder Zeit!” und “Sorgt euch um nichts” fordert Paulus die Gemeinde in Philippi (und damit natürlich auch uns) auf. Kann man so etwas einfach so befehlen? Freude und Sorglosigkeit auf Knopfdruck? Und wie echt wäre so etwas? Papst Franziskus geht in seinem Schreiben noch einen Schritt weiter: Er setzt die Freude als Grundeinstellung bei Christen einfach voraus: “Die Freude des Evangeliums erfüllt das Herz und das gesamte Leben derer, die Jesus begegnen. Diejenigen, die sich von ihm retten lassen, sind befreit von der Sünde, von der Traurigkeit, von der inneren Leere und der Vereinsamung. Mit Jesus Christus kommt immer - und immer wieder - die Freude.” Peng. Isso. Aber stimmt das wirklich? Immer? Und heißt das im Umkehrschluss: Wer nicht rund um die Uhr Freude fühlt, ist kein richtiger Christ? Ehrlich gesagt, finde ich persönlich Menschen, die ununterbrochen mit einem seligen Dauergrinsen durch die Gegend laufen, schon ein wenig gruselig. Und der Druck, als Christ immer fröhlich sein zu müssen, kann natürlich auch gefährlich werden, wenn man dafür andere, eher negative Gefühle wie Trauer, Wut oder Angst unterdrückt, weil sie nicht sein dürfen. Das kann auch schon deswegen nicht ernsthaft gemeint sein, weil sich im Neuen Testament mehrere Stellen finden, wo sich auch Jesus selbst traurig, wütend oder ängstlich zeigt. Und trotzdem fühle ich mich unangenehm ertappt. Ja, Christen haben in unserer Gesellschaft nicht unbedingt den Ruf, echte Spaßkanonen zu sein. Viele halten sie im Gegenteil für zu ernst, ziemlich langweilig und durch jede Menge Regeln und Verbote auch eher für ausgemachte Spaßbremsen. Und ich stelle immer wieder fest, dass es mir schwer fällt, Außenstehenden zu vermitteln, warum ich Sonntags in die Kirche gehe und so viel Zeit für Glaubensthemen und Gemeinde aufwende. Ist das Gewohnheit? Eine Art Hobby? Brauche ich die anderen Kirchgänger als regelmäßigen Gruppentreff? Gibt es mir ein gutes Gefühl? Werde ich dadurch ein besserer Mensch (der ich ohne den Glauben nicht wäre)? Halte ich so eine Beziehung zu Gott? Ist es etwas, was mich wirklich trägt, wenn die Zeiten schwerer werden? Erwarte ich dafür eine Belohnung - in diesem Leben oder nach dem Tod? Oder mache ich mir etwas vor? Und auch sollte. Um so vielleicht der eigenen Glaubensfreude auf die Spur zu kommen. Für die alten Christen (und auch für Papst Franziskus) entsteht diese Freude aus der Beziehung zu Jesus Christus. Klingt eigentlich banal: Ein Christ ist, wer eine persönliche Beziehung zu Christus hat, nicht wahr? Für uns heute ist das allerdings schwierig. Wir haben Jesus als Menschen nie erlebt, ebenso wenig diejenigen, die ihn noch persönlich kannten und begeistert von ihm erzählen konnten. Mit den Geschichten über Jesus sind wir aufgewachsen, sie sind uns selbstverständlich geworden, ein Teil unserer Kulturgeschichte. Da zu einer wirklich ursprünglichen persönlichen Begeisterung zu finden, ist nicht ganz einfach. Aber es lohnt sich, dem nachzuspüren. Gibt es Geschichten, Handlungen oder Worte von Jesus, die mich besonders berühren? Was bedeuten sie heute für mich - jetzt, in meiner aktuellen Lebenssituation? Was könnten sie in der Zukunft für mich bedeuten? Wer ist Jesus Christus für mich? Schnell haben wir da Begriffe, die wir gelernt haben und nun wie Schilder hochhalten könne, zum Beispiel: "Jesus hat mich gerettet." Aber was bedeutet das für mich - für mich ganz persönlich? Fühle ich mich gerettet? Inwiefern? Und hat das Einfluss auf mein Alltagsleben in einer Umgebung, in der Gott kaum bis gar nicht vorkommt - am Arbeitsplatz, unter Freunden, beim Sport oder Hobby? Lebe ich aufgrund meines Glaubens anders als die, die nicht glauben? Kann ich in darin so etwas wie Freude finden? Ich stelle immer wieder fest, wie schwierig es sogar unter Christen ist, über den persönlichen Glauben zu sprechen. Wieviel einfacher ist es doch, gemeinsam das Pfarrfest vorzubereiten oder einen besonders stimmungsvollen Aufbau der Weihnachtskrippe zu planen, als sich darüber auszutauschen, was einen am Sonntagsevangelium besonders berührt hat. So schade. Zurück zur dauerhaften Freude der Christen – da gibt es noch eine kleine Entwarnung. Und diese Gewissheit gibt Kraft, in dieser doch oft schwierigen, beängstigenden und schmerzvollen Welt den eigenen Weg zu gehen. Christliche Freude bedeutet nämlich nicht, dass einem die Welt egal wird und man das Dunkle nicht mehr wahrnimmt, weil man in einem Wolkenkuckucksheim der Glückseligkeit dahinschwebt. Ganz im Gegenteil - das war niemals Teil unserer Tradition. Egal zu welcher Zeit, auf welchem Erdteil und mit welchem politischen oder kulturellen Hintergrund: Christen erkennt man unter anderem daran, dass sie beim Leid eben nicht wegschauen, sondern die Ärmel hochkrempeln und dagegen anarbeiten. Weil sie daran glauben, dass Gott die Welt eben auch nicht egal ist. Weil er sie gut geschaffen hat und heilen will - durch Christus und mit unserer Hilfe. Und somit einen Gegenentwurf zu bieten haben zu einer Welt, die gerade heute wieder mehr aus Wut oder Angst zu bestehen scheint. Weil sie zwar in dieser Welt leben, aber über diese Welt hinaus denken können. Und weil sie sich selbst gesegnet genug fühlen, um diesen Segen auch weiterzutragen.
Letztendlich sind das Fragen, die jeder nur für sich selbst beantworten kann.
Auch Papst Franziskus räumt ein, dass das mit der Freude nicht immer so einfach ist, weil nicht jeder Lebensumstand ununterbrochene Freude zulässt. Und hier wird auch klar, was mit “Freude” eigentlich gemeint ist. Es geht gar nicht um ein ständiges Glücksgefühl als Daueremotion, sondern um eine Grundhaltung der Zuversicht, die, wie er schreibt “aus der persönlichen Gewissheit hervorgeht, jenseits von allem grenzenlos geliebt zu sein”.